
Niederbiel liegt "romantisch schön" in einer Mulde zwischen Südausläufern des Westerwaldes. Es ist von einem Kranz von Obstbäumen umgeben, die besonders in der Frühlingszeit das Dorf mit einer wahren Blütenpracht überdecken, aus der der 28m hohe Kirchturm herausragt. Aus der Lage des Dorfes ist wahrscheinlich auch der Name abzuleiten. Bühl oder Biel bedeutet so viel wie Schlucht, Tal oder Grund. Bis zum Jahre 1300 gab es nur ein Biel, das auch Kirchbiel genannt wurde. Erst um das Jahr 1300 wird unterschieden zwischen Ober-, Mittel- und Niederbiel, (Nederenbel) wahrscheinlich aus dem Grunde, um die einzelnen Teile des sehr weit auseinander liegenden Dorfes näher zu bezeichnen. Von dem Teil Mittelbiel sind noch kaum feststellbare Mauerreste sowie einige Flurbezeichnungen übrig geblieben., die uns aber genügend Anhaltspunkte über seine Lage geben. Später mögen die oben genannten Teile selbstständig geworden sein mit eigener Gemarkung. Mittelbiel soll nach Ansicht eines Geschichtsforschers bereits um das Jahr 1500 ausgegangen sein. Sehr häufig wird angenommen, dass es im 30-jährigem Krieg zerstört wurde. Das dürfte nicht den Tatsachen entsprechen, da das Dorf nach 1500 Urkundlich mehr erwähnt wird. Dagegen ist mit Sicherheit anzunehmen, dass es durch Krankheit und Wegzug der Einwohner entvölkert wurde und die wenigen Gehöfte im Laufe der Zeit verfielen. Die Gemarkung des kleinen Dörfchens fiel wohl dann der von Niederbiel zu. Leider sind über Niederbiel nur spärliche Urkunden vorhanden, die kaum weiter als in das 13. Jahrhundert zurück reichen. Ein bekannter Heimatforscher ist sogar der Ansicht, dass die Vergangenheit unseres Dorfes in großes Dunkel gehüllt sei. Doch hat der frühere Parrer Almenröder, Oberbiel, im Originalkodex in München eine Aufzeichnung gefunden, in welcher die Bieler Mark in Zusammenhang mit der Solmser- und Wannendorfer Mark genannt wird.
Es heißt darin: "Es schenkte auch Wolfhart und Steinher in der Wannendorfer Mark und in der Bieler Mark und in der Solmser Mark zwei Höfe mit ihren Ländereien und 12 Leibeigene." Man vermutet, dass diese Schenkungsurkunde bis in das 8. oder 9. Jahrhundert reicht.
Im Jahre 1180 wurde das Kloster Altenberg gegründet und eine Niederadlige, Christine von Biel, 1223 als Meisterin eingesetzt. Zur damaligen Zeit war es üblich, dass die Grafen, als Lehensträger des Kaisers, Niederadlige oder Ritter einzusetzen, die ihnen im Kriegsfalle Heeresfolge zu leisten hatten. Dieses Geschah auch durch die Grafen von Solms-Braunfels in einzelnen Ortschaften ihrer Grafschaft. Auf diese Weise mögen auch die Ritter von Biel ihren Namen erhalten haben. Nicht etwa, dass das Dorf Biel nach ihnen benamt wurde. Ihren Stammsitz hatten die "von Biel" in dem jetzigen Oberbiel, woselbst sie eine Burg besaßen und zwar neben der derzeitigen Kirche. Im Jahr 1285 vermachte sogar der Ritter Rapodo von Biel dem Kloster Altenberg seine gesamten Güter zu Biel gegen Gewährung einer Rente auf Lebenszeit. (Wetzlarer Urkundenbuch) Schenkungen an Klöster fanden damals recht häufig statt und hatten sicherlich verschiedene Gründe, auf die nicht eingegangen werden kann.
Vor der Aufteilung des Ortes Biel in Ober-, Mittel- und Niederbiel muß letzteres schon eine eigene Kirche besessen haben, wie aus einer Schenkungsurkunde aus dem Jahre 1324 einwandfrei zu ersehen ist. Der wichtigste Teil dieser Urkunde hat folgenden Wortlaut: "Arnold, genannt Smeuche, von Nederenbele und seine Kinder Rogger, Alheyt und Thederich verkaufen dem Kloster Altenberg einen Malter Korn ewigen Pachtes, Wetzlarer Maß, lieferbar zu Michaelis nach Wetzlar aus folgenden Gütern, die sie dem Kloster als Pfand setzen. Dies ist das Gut: ein Weingarten, der ist gelegen zu Nederenbele an dem Berge, der allen Jahre zur rechten Zeit Zinsen geben muß eine kölnischen Schilling der Kirche St.Stephan zu Nederenbele usw." In den nachfolgenden Jahrhunderten wurde dann die Kirche erweitert und erhielt einen Glockenturm. (Lehrer Heinrich Jung, ein gebürtiger Niederbieler, hat in einer Kirchengeschichtsarbeit ausführlich hierüber berichtet.)
Die Kirchenglocken weisen kein sehr hohes Alter auf. Jedem der beiden Weltkriege, 1914-1918 und 1939-1945, fiel eine Glocke zum Opfer. Die älteste, gegossen im Jahre 1779, wurde wegen ihres Alters verschont. Gegossen wurde sie von Nikolaus Bernhardt aus Tiefenbach. 1950 lieferte die Firma Rinker/Sinn, eine 13 Ztr. Schwere zweite Glocke, die auf den Ton"g" abgestimmt ist, während die alte Glocke den Ton "b" hat und damit das alte , trauliche Geläute wieder über die heimatlichen Gefilde hinaus zu hören ist. Ob bewusst oder unbewusst gestaltet-es sind die beiden Anfangstöne des Kirchenliedes"Wer weiß"?wie nahe mir mein Ende!
Die Verbreitung des Christentums unter den Lognäern oder Lahngauern dürfte, wie bei den meisten germanischen Stämmen, nicht leicht gewesen sein.
Kleinere Christengemeinden bestanden nachweisbar bereits im 4.Jahrhundert in unserm Lahngau. Doch hat Bonifatius zweifellos die größten Erfolge erzielt. Von seinem Wirken zeugt ein Brief, den Papst Gregor III. demselben im Jahre 738 an die Lognäer mitgab. Letztere wurden darin ermahnt, die von Bonifatius anzustellenden Bischöfe und Priester willig anzunehmen, dem heidnischen Götzendienste zu entsagen, den unter ihnen herrschenden Aberglaube anzulegen, sich zu bekehren und Gott allein anzurufen und zu verehren. Um 1556 trat Graf Philipp zur lutherischen Kirche über und somit die gesamte Grafschaft nach dem Grundsatz: Cuius regio-eius religio. (Die Religion des Landesherren ist bindend für die Untertanen) Von Zeit zu Zeit stattfindende Kirchenvisitationen erbrachten jedoch häufig unmögliche kirchliche und sittliche Zustände der Gemeindeglieder und ihrer Geistlichen. So klagt z.B. 1568 der Pfarrer von Oberbiel, dass Hermanns Frau von Niederbiel auf einen Kirchbaum gestiegen sei und von da herab Gott gelästert habe. Sie wurde mit Zuchthaus bestraft. (Abicht) 1579 schloss sich Solms Braunfels der reformierten Konfession an, welche sich auch zum großen Teil in der Grafschaft erhalten hat.
Wie aus vielen Schenkungsurkunden zu ersehen ist, betrieben die Einwohner von Niederbiel einen gepflegten Weinbau. Einige darauf hinweisende Flurnamen sind noch geläufig, z.B. "Dortchens Weingärten", die "Wingerte", "Leunerbergs Weingärten" und "der alte Weingarten" und "der alten Weingarte".
Kriege und schwere Krankheiten, die eine schreckliche Not auslösten, haben unser Heimatdorf wiederholt furchtbar heimgesucht. Erwähnt seien die Schrecknisse des 30-jährigen Krieges, in die das Solmser Land durch den Grafen Johann Albrecht I von Solms-Braunfels verwickelt wurde. Derselbe war Haushofmeister des Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz und hatte diesem in der Schlacht am "Weißen Berg" treu zur Seite gestanden. (1620) Nach dem Sieg Tillys rächte sich dieser dadurch, dass er Schloß und Grafschaft Braunfels durch spanische Truppen besetzen ließ, die ein Jahrzehnt hindurch das Ländchen drangsalierten und auspressten. Erst 1631 wurde das Solmser Land durch schwedische Truppen befreit. Doch zur Ruhe kam die Heimat nicht, da nun die Pest furchtbar wütete. Im Gefolge dieser schrecklichen Krankheit stand eine nicht weniger gefährliche Hungersnot, so dass manche Höfe und sogar Ortschaften ausstarben. So sollen in dem Nachbarort Leun in einem Jahre 120 Personen Hungers gestorben sein. Der Prior Petrus Dietrich berichtet, dass 1644 der Hof und die Schäferei des Klosters Altenberg in Niederbiel, Schäferburg genannt, völlig ausgestorben und mit Hecken, Birken und Dornen bewachsen sei. Weiterhin brachten die französischen Revolutionskriege größte Not in das Dorf. Pfarrer Kaps berichtet im Kinderbuch darüber: "1796, am 10.Sep., haben die Franzosen an unterschiedlichen Orten angesteckt, weil der damalige Schultheiß Konrad Neuß sich ein Pferd nicht nehmen lassen, sondern sich dagegen gesetzt." Von Franzosen wurden vier Einwohner erschossen und zwei mit dem Säbel erschlagen, darunter der Lehrer Wilh. Ferdinand Hartmann, weil er die Sturmglocke läutete. In der Feuerbrunst kamen sechs Personen um, während vier schwer verwundet wurden. Es brannten 26 Hofraiten mit Scheunen und Stallungen ab.
Im Winter des Jahres 1881 wurden einige Familien des Dorfes durch ein Unglück auf der Lahn hart betroffen. Da der jetzige Steg noch nicht vorhanden war-er wurde erst in der Mitte der 80er Jahren erbaut- benutzen die Arbeiter, die in der Nähe von Burgsolms beschäftigt waren, einen Kahn zum Übersetzen über die Lahn. Derselbe geriet unter das Eis, wobei 5 Insassen ums Leben kamen.
Auch die Weltkriege forderten in der Gemeinde Niederbiel ihre Opfer. Zu Ehren der 24 Gefallenen des 1.Weltkrieges (1914-1918) erstellte die Gemeinde 1928 das unterhalb der Kirche stehende Denkmal, das 1953 zum Gedenken der 65 Gefallenen und Vermissten des 2.Weltkrieg (1939-1945) erweitert wurde.
So sind im Wandel der Zeit Stürme über unser Dörfchen dahingebraust. Unsere Vorfahren haben schwer gearbeitet, geduldet und sehr bescheidenes Leben geführt. Auch unsere Generation ist nichts erspart geblieben. Doch erstaunlich schnell haben wir uns aus dem Elend des letzten Krieges herausgearbeitet. Heute ist Niederbiel ein modernes Dorf, das 1100 Einwohner zählt, darunter 233 Heimatvertriebene und Evakuierte.
Wir wollen wünschen und hoffen, dass unserer Heimat und unserem Vaterland eine friedliche und glückliche Zukunft beschieden sein möge.
H.Schäfer
(Auszug aus der Festschrift "Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der Freiwilligen Feuerwehr Niederbiel" am 22.,23. und 24.Mai 1954)